33 Jahre Lars Müller Publishers

Die eigene Geschichte zu erzählen, drängt sich nicht auf. Ein Rückblick ist aber ein Anlass dazu, Ansprüche und Erwartungen zu formulieren, an denen wir die Arbeit des Verlags in der Zukunft messen wollen.

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Ich staune darüber, wie der Verlag die Krisen und Umwälzungen überlebt hat, welche die Buchbranche seit seiner Gründung erschüttert haben. Als Erklärungsversuch mag dienen, dass meine anfängliche Unkenntnis über die Buchbranche den Raum für Idealisierungen geboten hat und dass ich an vielen meiner Grundsätze festgehalten habe. Als Gestalter habe ich die Form des Buches und seine materielle Gestalt vor Augen und verachte Bücher mit schwachem Inhalt in guter Gestaltung. Visuelle Inhalte ziehen mich an und fordern mich heraus. Von der Belletristik halte ich mich als Gestalter fern und geniesse sie lieber als Leser. Meine damalige wie heutige Überzeugung, dass gute und wichtige Bücher eine solide und vertrauensvolle Beziehung zwischen Autor und Verleger voraussetzen und dass es die vornehme Aufgabe und das Privileg des Verlegers ist, Projekte zu initiieren und Ideen aufzugreifen, geht auf eine Beschreibung des grossen Architekturverlegers Hans Girsberger zurück. Im Vorwort zum Nachdruck des berühmten Buches von Alfred Roth, Die Neue Architektur (1939/1975) schreibt er: «Ich erinnere mich noch […], wie wir, mein Freund, der junge Architekt Alfred Roth, und ich, der noch in den Anfängen stehende junge Verleger, im Sommer 1938 zu mittelnächtlicher Stunde auf dem Heimweg vom Kaffeehaus in angeregtem Gespräch verlegerische Pläne wälzten, um dann in hochgemuter Stimmung den Entschluss zu fassen, ein in seiner Art einmaliges, den höchsten Ansprüchen genügendes und für die internationale Architektur bestimmtes Architekturwerk zu schaffen.» Girsberger verfolgte seine Ziele mit grossem Vergnügen und Schaffensdrang und wurde zu meinem frühen Vorbild.

Dass mit der Herstellung das Leben eines Buches erst beginnt und dass Vertrieb und Marketing für den Erfolg ausschlaggebend sind, habe ich zu Beginn nur ahnen können. Die Realität holte mich schnell ein und ich musste erkennen, dass man nur durch das Sammeln von Erfahrungen Verleger werden kann. Die Entschlossenheit, die Bücher, die ich verlegen wollte, mehrheitlich selber zu initiieren oder von der ersten Idee an zusammen mit Autoren und Herausgebern zu entwickeln und zu gestalten, hat früh zur Identität des Verlages beigetragen. Das Motto, mit den Büchern «die Schweiz in die Welt und die Welt in die Schweiz zu tragen», machte den Verlag für nationale wie auch internationale Architekten, Gestalter und Künstler attraktiv und mein Interesse für historische Zusammenhänge trug mir die Aufmerksamkeit von akademischen Kreisen ein.

Viele Ideen und Prinzipien aus der Anfangszeit haben sich bis heute erhalten, wenn auch in veränderter Gewichtung. Die Vereinigung von Verleger, Herausgeber und Gestalter in einer Person betrachte ich als ein besonderes Merkmal meines Verlags und als Vorteil in vielen Prozessen. Dass ich mich inhaltlich auf Themen und Projekte beschränke, die mich persönlich interessieren und von denen ich lernen kann, ist gewiss ein Privileg des Kleinverlags. Wachstum und Grösse sind nicht meine Ziele.

Nach einem einjährigen Aufenthalt in Amsterdam, wo ich das Glück hatte, bei der Designagentur Total Design als Assistent von Wim Crouwel zu arbeiten, kehrte ich 1982 in die Schweiz zurück. Crouwel hatte mein Interesse an der Buchgestaltung geweckt. Er liess mich in seiner grandiosen Bibliothek stöbern und beteiligte mich an der Entwicklung von Katalog- und Buchprojekten. Durch ihn erkannte ich auch die Bedeutung der Schweizer Grafik der 1950er- und 1960er-Jahre, welcher er selbst entscheidende Impulse verdankte.

Zurück aus Holland eröffnete ich mein kleines Atelier wieder. Mangels Aufträgen erfand ich mir die Arbeit selbst und beschloss, ein Buch zu initiieren, welches die Produktgestaltung der Schweizer Nachkriegsmoderne dokumentieren und kritisch analysieren sollte. Es gelang mir, mit Peter Erni einen Kenner der Materie zur Zusammenarbeit zu bewegen und mir Zugang zu Archiven zu verschaffen. Selbstverständlich gingen umfangreiche Recherchen und viele Gespräche der Gestaltung des Buches voraus – das Entwickeln und Strukturieren von Inhalten war eine frühe Erfahrung und wurde zur Leidenschaft: die Kunst des Editierens als integraler Bestandteil der Buchgestaltung. Die Einsicht, dass von allen Drucksachen nur das Buch – anders als Plakate, Prospekte, Broschüren – auf Dauer angelegt ist, half mir, die Ausdauer und die Sorgfalt zu entwickeln, um dieser Tatsache gerecht zu werden.

Im September 1983 erschien mein erstes Buch Die gute Form und fand in Schweizer Designkreisen grosse Beachtung. Aber der Zugang zum Buchhandel erwies sich als schwieriger als gedacht und meine Kalkulation war dilettantisch. Finanziell endete das Projekt im Fiasko.